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Ein universeller Geist - vor 60 Jahren starb Gerhard Hauptmann (1862-1946)
 
Schüler früherer Tage war er durch sein sozial- und gesellschaftskritisches Drama "Die Weber" noch bekannt-und in den Literaturlexika wird er als Naturalist, der später Übergänge zum Symbolismus und zur Neoromantik schuf, abgehandelt. Damit aber erschöpft sich die große Dichterpersönlichkeit keineswegs: neben seinen krassen und naturalistischen Novellen ("Bahnwärter Thiel") und seinen Theaterstücken wie "Rose Bernd", in denen die Tragik eine Folge sozialer Ungerechtigkeiten ist, verfasste Hauptmann realistische Romane, historische Werke, Utopien wie "Die Insel der großen Mutter", eine Verknüpfung von griechischer Sage und Robinsonade, und auch humorvolle Volksstücke wie "Der Biberpelz" mit seiner treffenden Darstellung verschiedener sozialer Schichten und einem gehörigen Quantum Spott über den Obrigkeitsstaat.
Bei Hauptmann sind-hier mit Goethe vergleichbar-Leben und Werk zu einer Einheit zusammengefasst. Er nahm viele Anregungen auf, verwandelte sie in seinen eigenen künstlerischen Stil, die sich keinem individuellen und keinem Zeitproblem entzog, aber immer wieder Antworten suchte.
Hauptmann Figuren sind leidende Geschöpfe, Verlorene, die sich dem dunklen Geschick, das über sie verhängt ist, nicht entziehen können. Gleichzeitig aber arbeitete sich Hauptmann mit exaktem Quellenstudium genau in bestimmte soziale und weltanschauliche Milieus ein, was vor allem bei den Webern deutlich wurde. Hauptmann vertiefte sich in die einerseits industriell arme, andererseits an Märchen und Sagen reiche Landschaft Schlesiens in seinen den Naturalismus übersteigenden, mystisch-visionären Traumdichtungen "Hanneles Himmelfahrt" und das Stück "Und Pippa tanzt", in dem er Thomas Mann vergleichbar das Scheitern der Künstlerexistenz darstellt.
Diese Stilrichtung wurde durch eine kirchlich ungebundene Religiosität noch verstärkt, als Hauptmann in dem Roman "Der Narr in Christo Emmanuel Quint" einerseits eine heftige Kirchenkritik übte, andererseits aber den Protagonisten des neuen "geistlichen" Lebens so widersprüchlich gestaltet, dass kein simpler Tendenzroman daraus wurde, sondern eine sehr interessante Verschlüsselung verschiedener theologischer Gedanken.
Später sehnte sich Hauptmann nach einer Synthese von Nord und Süd, machte ausgedehnte Griechenlandreisen, erhielt den Nobelpreis für Literatur und verfügte über ein ausgeprägtes Selbst- und Sendungsbewusstsein- von Thomas Mann im Zauberberg mit leicht durchschimmernden Neid parodiert.
Hauptmann konnte die vielen widerstrebenden Züge seines Schaffens kaum selbst bändigen- allzu oft geriet ihm die Problembehandlung zu einer Trivialität wie in dem Roman "Wanda", einer erotischen Geschichte, und bisweilen hatte der ursprüngliche Pessimismus, der Hauptmann prägte, einen heftigen Kampf mit den geradezu verzweifelt gesuchten Antworten aus einem frei interpretierten Christentum, einer Annäherung an Psychologie und Tiefenanalyse und vorallem dem Hineintauchen in die archaische Welt ("Atriden-Tetralogie") zu bestehen.
Hauptmann, der den Untergang Dresdens mit großer und menschlich tiefer Empfindung erlebte und kommentierte, starb unter chaotischen Umständen in den Wirren der Nachkriegszeit im nun von Polen besetzten Schlesien. Seine letzten überlieferten Worte "Bin ich noch in meinem Haus?" schildern die Ratlosigkeit und Heimatlosigkeit des Seins anhand einer aus den Fugen gegangenen Welt, ein Schicksal, das der Autor nun selbst erfuhr, nachdem er es in einem langen Dichterleben an unzähligen Figuren seines Schaffens durchgespielt hatte.
 
Dr. Ulrich Kriehn, 03/2006
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